Weihnachtliche Fake News“? Historisch-kritische Perspektiven auf die neutestamentliche Geburtsgeschichte
- Markus Watzl
- 17. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 17. Dez. 2025

Es begab sich aber in jenen Tagen, da man falschen Reden große Aufmerksamkeit schenkte und diese prüfend erwägen sollte.
Auch das Team des Informationsraums bereitet sich momentan auf das anstehende Weihnachtsfest vor. Trotzdem möchten wir die Leser:innen noch mit einem kleinen „Schmankerl“ in die Feiertage entlassen.
Bekanntlich entstand die Bibel, wie wir sie heute kennen, vor ca. 1700 Jahren (also knapp 300 Jahre nach der Geburt Jesu) und dass sich da eine Vielzahl von Missinterpretationen, Halbwahrheiten und einfache Deutungen eingeschlichen haben, ist ja nachvollziehbar. Und ein ausgiebiges Factchecking stand bei Matthäus und Co. eher nachgelagert auf der Agenda. Die Bibel ist eine Textsammlung, ein Kanon von Schriften, auf den sich kirchliche Entscheider verständigt haben. Sie ist keine göttliche Instruktion wie eine Betriebsanleitung oder eine Software, die wir abarbeiten müssten und wie jedes Menschenwort ist auch die Bibel nicht ohne Auslegung, nicht ohne Interpretation zu verstehen.
An dieser Stelle soll nun auf sechs weihnachtliche „Fake News“ eingegangen werden, die in der biblischen Weihnachtsgeschichte thematisiert werden:
Beginnen wir mit einer nicht ganz korrekten Zeitrechnung: Diese beginnt für uns ja bekanntlich mit Christi Geburt. Daraus könnte man schließen, dass er eigentlich im Jahr Null geboren sein müsste. Allerdings hat es dieses Jahr nie gegeben. Als Jesus in Judäa geboren wurde, galt nämlich noch die römische Zeitrechnung, die für das gesamte Imperium verbindlich war. Die Null war in der römischen Zählweise aber überhaupt nicht gebräuchlich. Im sechsten Jahrhundert stellte man Berechnungen an, denen zufolge Jesus im Jahr 753 der römischen Zeitrechnung geboren worden sei. Dieses Jahr wurde als Jahr 1 A.D. festgelegt. Dabei schlich sich übrigens möglicherweise noch ein Rechenfehler von 5 bis 6 Jahren ein. Jesus wurde also vielleicht sogar im Jahre 5 oder 6 vor Christus geboren.
Auch die in der Weihnachtsgeschichte erwähnte Volkszählung, die Imperator Augustus befohlen haben soll, ist historisch sehr problematisch und gilt nach heutiger Forschung als nicht korrekt dargestellt. Jesus wurde vermutlich in Nazareth und nicht in Bethlehem geboren. Der vermeintliche Geburtsort des Josef wurde nur gewählt, um Micha’s messianische Prophezeiung zu erfüllen. Auch Herodes der Große war zum Zeitpunkt von Jesu Geburt bereits tot.
Der Stern von Bethlehem ist historisch sehr wahrscheinlich kein reales astronomisches Ereignis. Dieser wird nur im Matthäus-Evangelium erwähnt und verhält sich dort nicht wie ein natürlicher Himmelskörper, da er die Weisen gezielt führt und über einem Haus stehen bleibt. Zwar wurden Erklärungen wie Planetenkonjunktionen, Kometen oder Supernovae vorgeschlagen, doch keine passt überzeugend zum biblischen Text oder ist historisch belegt. Wissenschaftlich betrachtet gilt der Stern daher überwiegend als theologisches Symbol, das die besondere Bedeutung Jesu ausdrücken und Heiden zu ihm führen soll, nicht als überprüfbares Himmelsphänomen.
Der 6. Januar fungiert primär im Süden der Bundesrepublik als kirchlicher Feiertag und ist den „heiligen drei Königen“ gewidmet, die auf die Namen Caspar, Melchior und Balthasar hören. Geht man aber nach den biblischen Texten, waren diese weder heilig, noch zu dritt, noch waren sie Könige. Erwähnt werden sie überhaupt nur im Matthäus-Evangelium. Dort ist aber von "Magiern bzw. Weisen aus dem Osten" (Magoi) die Rede, nicht von Königen. Ihre Zahl wird nicht genannt, nur drei Sorten von Geschenken, die sie überreicht haben sollen: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Frühchristliche Darstellungen zeigen daher zwischen zwei und acht Personen. Und eine offizielle Heiligsprechung hat es tatsächlich nie gegeben.
Auch der brutale Mord an den Erstgeborenen in Bethlehem, die König Herodes befohlen haben soll, ist nicht historisch belegt. Er wird erneut nur im Matthäus-Evangelium (Mt 2,16–18) erwähnt und findet sich in keiner außerbiblischen Quelle. Besonders auffällig ist, dass der jüdische Historiker Flavius Josephus, der Herodes den Großen ausführlich beschreibt und viele seiner Grausamkeiten schildert, dieses Ereignis nicht erwähnt. Auch die übrigen Evangelien kennen diese Geschichte nicht. Zwar passt der Kindermord grundsätzlich zum brutalen Charakter Herodes’, doch „vorstellbar“ ist nicht gleichbedeutend mit „historisch belegt“. Inhaltlich weist die Erzählung starke Parallelen zur Mose-Geschichte im Alten Testament auf und dient erkennbar einer theologischen Aussage: Jesus erscheint als der von Gott bewahrte Retter.
Und zu guter Letzt die Geschichte, mit der das Neue Testament eröffnet: Marias jungfräuliche Geburt. Diese interpretiert die Gestalt des Josefs im Matthäus-Evangelium als literarisch und ethisch bedeutsame Konfliktfigur. Im Zentrum steht dessen innerer Konflikt angesichts der Schwangerschaft Marias, den Josef zunächst durch einen geplanten, diskreten Rückzug lösen will, dann jedoch nach der Traumoffenbarung des Engels verantwortungsvoll annimmt. Josef erscheint dabei als „stiller Held“, der ohne Worte, Klage oder Flucht handelt und durch seine Entscheidung soziale Risiken, persönliche Kränkung und biografische Brüche in Kauf nimmt, da die Öffentlichkeit ihn eher als „betrogenen Ehemann“ wahrgenommen hätte. Die Interpretation verbindet diese biblische Darstellung mit modernen Erfahrungen sozialer Vaterschaft und deutet Josef als paradigmatisches Beispiel für verantwortliches, nicht-biologisches Vatersein. Seine Handlung wird als moralisch heroisch verstanden, da sie Fürsorge, Loyalität und Verantwortung über gesellschaftliche Erwartungen und biologische Abstammung stellt.
Die biblische Weihnachtsgeschichte erweist sich bei genauerer Betrachtung weniger als historischer Tatsachenbericht denn als theologisch geprägte Erzählung, in der Symbolik, Deutung und Glaubensaussagen im Vordergrund stehen. Viele der weithin bekannten Elemente – von der Datierung der Geburt Jesu über den Geburtsort, den Stern von Bethlehem und die „drei Könige“ bis hin zum Kindermord von Bethlehem – lassen sich historisch nicht belegen oder sind offensichtlich spätere Deutungen und Ausschmückungen. Dies schmälert jedoch nicht zwangsläufig ihre Bedeutung, sondern verweist vielmehr auf den Charakter der Bibel als interpretierungsbedürftige Textsammlung, die Glaubensüberzeugungen transportiert und Sinn stiften will, statt überprüfbare Chronik zu sein. Gerade in der reflektierten Auseinandersetzung mit diesen „weihnachtlichen Fake News“ wird deutlich, dass die Weihnachtsbotschaft weniger in der historischen Detailtreue liegt als in den ethischen und theologischen Aussagen – etwa in der Betonung von Hoffnung, Verantwortung und solidarischem Handeln, wie sie exemplarisch in der Figur des Josef zum Ausdruck kommen.
Passend zur Vorweihnachtszeit haben wir uns für dieses kleine „Special“ mit einigen der gängigsten Missverständnisse aus den ersten Kapiteln des Neuen Testaments beschäftigt, die auch im historischen Kontext primär eher „harmlos“ anmuten. Dass dies nicht immer der Fall sein muss und dass „biblische Fake News“ auch zu realen Menschheitsverbrechen beigetragen haben, darf an dieser Stelle aber nicht unterschlagen werden. Hier sei nur die Passionsgeschichte genannt, in der die Bibel das jüdische Volk als Ganzes zum „Christus-Mörder“ erklärte („Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder“) erklärte und damit leider auch zu einem jahrhundertelangen Antisemitismus beigetragen hat.
Gerade weil religiöse Texte und ihre Deutungen eine so große Wirkungsmacht entfalten können, bleibt ein reflektierter und verantwortungsvoller Umgang mit ihnen unerlässlich. Die Auseinandersetzung mit problematischen Überlieferungen soll dabei nicht trennen, sondern sensibilisieren – für historische Zusammenhänge, für die Folgen von Fehlinterpretationen und für die Bedeutung von Dialog und Aufklärung. In diesem Sinne verstehen wir auch dieses „Special“ als Einladung zum Nachdenken, nicht als Schlussstrich.
Damit verabschiedet sich der Informationsraum in die Weihnachtsferien und wünscht seinen Leser:innen erholsame Feiertage. Unser kleines, feines Redaktionsteam freut sich natürlich auf ein Wiedersehen im Jahr 2026 mit neuen, spannenden Themen.





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