„Hybride Bedrohungen: Neue Dimension für Friedenseinsätze“ – Aktuelle Studie des ZIF
- Markus Watzl
- 5. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Seien wir ehrlich: eine internationale Friedensmission erscheint auf den ersten Blick nicht wie das primäre Ziel einer hybriden oder gar militärischen Operation. Aber tatsächlich zeigt eine neue Studie des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze in Berlin, dass speziell Friedenseinsätze in den vergangenen Jahren verstärkt zum Ziel hybrider Aktivitäten geworden – nicht zuletzt mit der Absicht, internationales Engagement zu delegitimieren und friedensfördernde Maßnahmen zu unterwandern. Die Studie von Monika Benkler und Philipp Schweers analysiert die erhebliche Transformation des sicherheitspolitischen Umfelds internationaler Friedenseinsätze infolge der rapide zunehmenden, technologisch beschleunigten und geopolitisch eingebetteten hybriden Bedrohungen. Sie diagnostiziert, dass sich hybride Instrumente – historisch keineswegs neu – durch Digitalisierung, Automatisierung und die Ausweitung des Cyber- und Informationsraums qualitativ und quantitativ derart verändert haben, dass sie für Friedenseinsätze eine „neue operative und strategische Dimension“ bilden.
Die Autor:innen betonen, dass autokratische Staaten – allen voran Russland und China – den hybriden Werkzeugkasten zunehmend systematisch einsetzen, oftmals verdeckt und mit dem Ziel, Staaten oder internationale Institutionen zu destabilisieren oder zu delegitimieren. Hybride Bedrohungen umfassen Informationsmanipulation, Cyberangriffe, wirtschaftliche Druckmittel, politische Einflussnahme und verdeckte sicherheitsrelevante Operationen.
Gleichzeitig hat die „leichte Verfügbarkeit digitaler Technologien“ das Akteursfeld nichtstaatlicher Akteure erheblich erweitert, wodurch Proxy-Konstellationen, Cyber-Söldnerstrukturen und kriminelle Netzwerke eine neue operative Bedeutung gewonnen haben.
Friedenseinsätze als Ziel hybrider Einflussnahme und Informationsmanipulation
Der Bericht zeigt, dass Friedenseinsätze in besonderer Weise anfällig sind, da sie oftmals in fragilen Umfeldern agieren und über stark digitalisierte Einsatzinfrastrukturen verfügen.
Die Zahl orchestrierter Desinformationskampagnen gegen Missionen – insbesondere in Afrika – hat sich seit 2022 vervielfacht. Dies führt zu Delegitimierung, Vertrauensverlust in die lokalen Bevölkerungen und erhöhter Gefährdung des Personals. Die Analyse von MINUSMA illustriert die strategische Funktion solcher Kampagnen, die sogar zum politischen Druck für einen Missionsabzug beitragen können.
Cyberoperationen gegen UN-Organisationen stiegen laut UNICC um 170 %. Friedenseinsätze sind zunehmend betroffen, da zentrale Missionsdaten – etwa zu Bevölkerungsbewegungen, Patrouillen, personalbezogenen Informationen – neue Angriffsvektoren darstellen. KI-gestützte Angriffe verschärfen die Lage zusätzlich.
Im Kontext hybrider Konflikt- und Bedrohungslagen treten neben staatlichen zunehmend nicht-staatliche Akteure in Erscheinung. Hierzu zählen private Militär- und Sicherheitsunternehmen wie etwa Wagner bzw. Afrikakorps, cyberkriminelle Gruppierungen wie Evil Corp, Hacktivistennetzwerke wie KillNet, lokale bewaffnete Akteure sowie transnationale Einflussakteure, die über mediale Netzwerke oder Influencer agieren. Diese heterogene Akteurslandschaft übernimmt in wachsendem Maße Funktionen verdeckter Einflussnahme. Dadurch wird sowohl die eindeutige Zuschreibung von Verantwortlichkeiten (Attribution) als auch die Umsetzung bestehender Mandate nachhaltiger erschwert.
Vor diesem Hintergrund entwickeln sich Friedenseinsätze zunehmend zu Akteuren im hybriden Raum. Internationale Organisationen haben damit begonnen, ihre Mandate, Strukturen und Einsatzpraktiken an die komplexen Anforderungen hybrider Bedrohungen anzupassen. Dies zeigt sich insbesondere in der Integration hybrider Aspekte in bestehende Mandate von UN- und EU-Missionen. Neben klassischen Aufgaben rücken nun Fragen der Informationsintegrität, der Schutz vor Desinformation, der Aufbau von Resilienz gegenüber Cyber- und hybriden Angriffen sowie die Unterstützung staatlicher Kapazitäten im Umgang mit kritischer Infrastruktur in den Vordergrund. Beispiele für Missionen, die solche Elemente bereits aufgenommen haben, sind unter anderem UNIFIL, MONUSCO, UNAMI und EUAM Ukraine.
Neue Missionsmodelle und Perspektiven
Die EUPM Moldova gilt als Prototyp einer Mission zur Stärkung staatlicher Resilienz angesichts direkter hybrider Bedrohungen. Missionen wie diese verdeutlichen, dass hybride Aktivitäten umfassend – über Informationssphären hinaus – auf systemische Schwachstellen abzielen.
EU und UN entwickeln Instrumente wie Hybrid Rapid Response Teams, die kurzfristig Expertise bereitstellen und nationalen Institutionen bei laufenden Angriffen operative Unterstützung leisten. Angesichts der technologischen Asymmetrie zwischen Angreifern und Friedenseinsätzen gewinnt die Zusammenarbeit mit Tech-Unternehmen an Relevanz, etwa für Monitoring, Analyse und Aufbau digitaler Resilienz.
Darüber hinaus diskutiert die Studie Konzepte eines erweiterten Cyber Peacekeeping, von integrierten Cyber-Einheiten bis zu rein digitalen Einsätzen („Digital Blue Helmets“). Aufgrund politischer Polarisierungen – insbesondere im UN-Sicherheitsrat – bleibt deren praktische Implementierung jedoch begrenzt. Gleichwohl sei ein umfassenderer Einbezug digitaler Bedrohungsdimensionen in Friedenseinsätze zwingend notwendig, um Eskalationsspiralen zu verhindern und nachhaltige Friedensstrukturen zu fördern.
Die Studie fordert Deutschland auf, eine führende Rolle bei der konzeptionellen Weiterentwicklung hybrider Resilienz in Friedenseinsätzen einzunehmen. Dazu gehören:
- konsequente Weiterentwicklung hybrider Interventionsformen,
- aktive Beteiligung an EU-Rapid-Response-Kapazitäten,
- strukturiertes Vorhalten deutscher Fachexpertise,
-Ausbau ziviler Einsatzfähigkeit im Cyber-, Analyse-, Kommunikations- und Finanzermittlungsbereich,
- gezielte Nutzung des ZIF-Expert:innenpools.
Fazit:
Die Studie argumentiert, dass hybride Bedrohungen nicht nur ein neues Einsatzfeld, sondern einen „strukturellen Paradigmenwechsel“ in Friedenseinsätzen markieren. Hybride Aktivitäten wirken systemisch, transnational, schwer attribuierbar und zunehmend KI-gestützt. Internationale Friedenseinsätze müssen sich dieser veränderten Konfliktdynamik sowohl defensiv (Resilienz, Schutz, Attribution) als auch proaktiv (Aufbau staatlicher Kapazitäten, strategische Kommunikation, Cyberkompetenz) stellen. Staaten wie Deutschland sind gefordert, diesen Wandel politisch, konzeptionell und personell aktiv mitzugestalten.





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