Der Wels, der Wolf und der Wal - Wildtiere als Projektionsflächen medialer Affektökonomien und politischer Konfliktdiskurse
- 8. Mai
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Aktualisiert: 8. Mai

Bereits im vergangenen Jahr veröffentlichten wir im Informationsraum den Beitrag „Von Bruno bis Kuno: Die diskursive Aufladung von Wildtiersichtungen in medialen und politischen Kontexten“. Im Zentrum der Analyse stand die Beobachtung, dass das Auftreten von Wildtieren in urbanen bzw. anthropogen stark geprägten Räumen regelmäßig erhebliche mediale Resonanz erzeugt. Insbesondere während des sogenannten „Sommerlochs“ entfalten derartige Ereignisse eine überproportionale öffentliche Aufmerksamkeit, da sie aufgrund ihrer außergewöhnlichen, emotionalisierbaren und visuell hoch anschlussfähigen Struktur ideale Voraussetzungen für journalistische Dramatisierungen bieten (vgl. Kepplinger 2011; Altheide 2002).
Die Kommunikations- und Politikwissenschaft beschreibt diese Prozesse als Formen des „Framings“ und der „Mediatisierung“ (vgl. Entman 1993; Couldry/Hepp 2017): Einzelereignisse werden nicht lediglich berichtet, sondern innerhalb kulturell etablierter Deutungsmuster narrativ aufgeladen. Tiere fungieren hierbei nicht primär als biologische Akteure, sondern als symbolische Projektionsflächen gesellschaftlicher Ängste, politischer Konflikte und affektiver Mobilisierung. Gerade Wildtiere, die mit Kontrollverlust, Gefahr oder Grenzüberschreitungen assoziiert werden, eignen sich in besonderer Weise zur medialen Skandalisierung sowie zur Konstruktion staatlicher Überforderung.
Der Sommer 2025 stand diesbezüglich ganz im Zeichen eines etwa zwei Meter langen Welses, der in Mittelfranken von der Polizei erschossen wurde, nachdem dieser mehrere Badegäste angegriffen haben soll. Innerhalb kürzester Zeit avancierte der Fisch zu einem bundesweiten Medienereignis und wurde in Anlehnung an den sogenannten „Killerwels Kuno“ aus dem Jahr 2001 Gegenstand massenhafter digitaler Anschlusskommunikation. Soziale Netzwerke produzierten binnen Stunden eine Vielzahl an Memes, satirischen Kommentaren sowie Debatten über Sicherheitsbehörden und vermeintliches Verwaltungsversagen. Der Vorfall verdeutlicht exemplarisch die Logik digitaler Öffentlichkeiten, innerhalb derer emotionalisierte, konfliktorientierte und humoristisch codierte Inhalte besonders hohe Reichweiten erzielen (vgl. Papacharissi 2015). Die eigentliche zoologische Besonderheit tritt dabei hinter ihrer medialen Verwertbarkeit zurück und speziell populistische Akteure nutzen diese Ereignisse, um ein Narrativ des Versagens seitens der Exekutive zu verbreiten.
Bemerkenswert ist, dass die tierzentrierte Berichterstattung im Jahr 2026 deutlich vor der klassischen, journalistischen „Saure-Gurken-Zeit“ einsetzte. Bereits Ende März dominierte ein Wolf die bundesdeutsche Nachrichtenlage, nachdem dieser in einer Hamburger Einkaufspassage aufgetaucht war und dort eine 60-jährige Frau verletzt hatte. Ob es sich tatsächlich um einen Biss handelte oder ob die Frau lediglich durch das desorientierte Tier umgestoßen wurde, ließ sich letztlich nicht abschließend verifizieren. Der Wolf wurde später eingefangen, medizinisch untersucht und an einem unbekannten Ort wieder freigelassen. Nach Angaben der Hamburger Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA) wurde das Tier mit einem GPS-Tracker versehen.
Die außerordentliche Resonanz solcher Vorfälle erklärt sich nicht zuletzt aus der besonderen kulturellen Stellung des Wolfs innerhalb europäischer Gesellschaften. Der Wolf fungiert seit Jahrhunderten als mythologisch und politisch hochgradig aufgeladenes Symboltier und erscheint in gegenwärtigen Debatten häufig als Projektionsfläche gesellschaftlicher Konflikte zwischen Urbanität und Ruralität, Naturschutz und Landwirtschaft oder wissenschaftlicher Expertise und populistischen Sicherheitsdiskursen (vgl. Bisi et al. 2010; Sjölander-Lindqvist 2009). Die mediale Konstruktion des Wolfs folgt dabei oftmals jener von Stanley Cohen (1972) beschriebenen Dynamik der sog. „moral panic“: Einzelereignisse werden symbolisch überhöht und als Bedrohung gesellschaftlicher Ordnung interpretiert. Der Wolf erscheint folglich weniger als konkretes Tier denn als Chiffre kultureller Verunsicherung.
Fast zeitgleich beschäftigte eine weitere tierische Sichtung die Republik – allerdings unter gänzlich entgegengesetzten Vorzeichen. Anders als beim Wels oder Wolf erschien das Tier hier nicht als potenzieller Täter, sondern eindeutig als Opfer. Ende März wurde in Niendorf bei Timmendorfer Strand ein knapp zwölf Meter langer Buckelwal entdeckt, der offenbar auf einer Sandbank festsaß. Vergleichbare Ereignisse endeten in der Vergangenheit häufig damit, dass die Öffentlichkeit das langsame Sterben der Meeressäuger über Tage hinweg medial begleitet verfolgen konnte. „Timmy“, wie der Wal in Anlehnung an den Ort seiner Strandung genannt wurde, sollte ein solches Schicksal jedoch erspart bleiben.
Bereits früh war jedoch der kritische Gesundheitszustand des Tieres offensichtlich. Timmy zeigte deutliche Schwächungssymptome, Hautverletzungen, fraß offenbar nicht mehr eigenständig und hatte Netzreste im Maul. Dennoch wurden bereits einen Tag nach der Entdeckung umfangreiche Rettungsmaßnahmen eingeleitet, an denen Behörden, Wissenschaftler:innen, freiwillige Helfer:innen sowie medienwirksame Akteure beteiligt waren. Der Bürgermeister von Niendorf, Sven Partheil-Böhnke, formulierte öffentlich das Ziel, den Wal zu retten, und begrüßte jede Form der Unterstützung. Zu den beteiligten Expert:innen gehörten unter anderem Joseph Schnitzler vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) sowie internationale Meeressäugerforscher:innen.
Besondere mediale Aufmerksamkeit erhielt jedoch vor allem der YouTuber und Tierschützer Robert Marc Lehmann, der nach seiner Ankunft erklärte, er müsse „zum Wal und ihm in die Augen schauen“. Gerade diese Form emotionaler Personalisierung verweist auf ein zentrales Strukturmerkmal digitaler Mediengesellschaften: Vertrauen wird zunehmend nicht mehr primär institutionell vermittelt, sondern personalisiert und über affektive Nähe hergestellt (vgl. Bennett/Livingston 2018). Influencer und Content Creator erscheinen dabei häufig glaubwürdiger als wissenschaftliche Institutionen oder staatliche Behörden.
Die enorme öffentliche Anteilnahme verweist zugleich auf die besondere Stellung sogenannter „charismatischer Megafauna“ innerhalb moderner Umweltkommunikation. Großsäuger wie Wale, Delfine oder Eisbären eignen sich in besonderem Maße zur affektiven Mobilisierung und moralischen Identifikation (vgl. Lorimer 2007). Wale erscheinen in medialen Narrativen regelmäßig als intelligente, empathiefähige und schützenswerte Wesen und fungieren damit als symbolische Stellvertreter ökologischer Vulnerabilität (vgl. Nisbet 2009). Während bspw. ein Wolfsrudel höchstwahrscheinlich primär Angst beim Menschen auslöst, reisen jedes Jahr Hunderte Urlauber auf begleiteten Touren zum „Whale Watching“, um voller Faszination Gruppen der Meeressäuger in deren natürlichem Habitat zu beobachten. Die Rettung eines gestrandeten Wals besitzt folglich nicht allein biologischen oder tierschutzethischen Charakter, sondern entwickelt sich zu einem hoch emotionalisierten Medienereignis.
Dieses Spannungsverhältnis zwischen Ökonomie, Öffentlichkeit und Tierinszenierung ist kulturgeschichtlich keineswegs neu. Bereits Steven Spielbergs Jaws (Der weiße Hai, 1975) thematisierte die politische Versuchung, tierbezogene Gefahren zugunsten touristischer Interessen herunterzuspielen. Eine gegenteilige, positiv konnotierte Wal-Erzählung findet sich dagegen in Star Trek IV: The Voyage Home (1986), in welchem zwei Buckelwale zu entscheidenden Akteuren für das Überleben der Menschheit werden. In diesem, sehr stark vom Umweltschutzgedanken der 1980er profitierenden Film, müssen Captain Kirk und seine Crew die Wale aus der Vergangenheit in ihre eigene Zeit transportieren, wo die Tiere schon lange ausgestorben waren. Mehrmals wird im Film auf die Kurzsichtigkeit der Menschheit des 20. Jahrhunderts hingewiesen, dass diese die Ausrottung von Walen überhaupt erst zugelassen hatte. Populärkulturelle Repräsentationen prägen nachweislich gesellschaftliche Vorstellungen von Natur und Tierwelt und beeinflussen damit reale politische Diskurse (vgl. Mutz/Nir 2010).
Passend zur Osterzeit erklärte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus auf einer Pressekonferenz, „der Wal habe ein Kreuz zu tragen“ (DER SPIEGEL, 17/2026). Die Aussage verweist exemplarisch auf die religiös-symbolische Überhöhung des Tieres innerhalb des öffentlichen Diskurses. Der Minister integrierte sich damit zugleich in eine allgemeine affektive Stimmungslage, die primär von Mitleid und Fürsorge gegenüber dem Meeressäuger geprägt war.
Allerdings zeigte sich auch in diesem Fall die hohe Anschlussfähigkeit emotionalisierter Medienereignisse für populistische Ressentiments und digitale Radikalisierungsdynamiken. Während Kommentare wie „Sprengt bitte endlich diesen Wal. Das Land hat kein Geld für so etwas.“ in sozialen Netzwerken noch einen gewissen humoristischen Unterton besaßen, skandierten Schaulustige vor Ort Parolen wie „Rettet Wale und keine Migranten!“ und einzelne Personen erklärten, „für den Wal“ sei angeblich „kein Geld da, aber die Ausländer kriegen ihr Terrorgeld“ (ebd.).
Derartige Äußerungen verdeutlichen die Funktionsweise affektiver Polarisierung, bei der gesellschaftliche Konflikte zunehmend über emotionalisierte Feindbilder organisiert werden (vgl. Mouffe 2005). Der Wal fungiert hierbei lediglich als Katalysator bereits bestehender Ressentiments. Gleichzeitig zeigt sich erneut die seit der COVID-19-Pandemie verstärkte Delegitimierung wissenschaftlicher Expertise und politischer Institutionen. So kursierten Gerüchte, die Landesregierung wolle den Wal bewusst sterben lassen, um dessen Skelett später dem Deutschen Meeresmuseum als Ausstellungsstück zuzuführen. Solche verschwörungsideologischen Narrative folgen den von Butter (2018) beschriebenen Mustern moderner Desinformation: Komplexe Ereignisse werden intentionalisiert und staatlichen Akteuren eine verborgene Agenda unterstellt.
Besonders deutlich wurde dies in einschlägigen Messenger-Gruppen wie „Unser Hope“ (benannt nach einem Alternativnamen für den Wal), in denen sich Hasskommentare, Drohungen gegen Regierung, Greenpeace oder wissenschaftliche Expert:innen sowie offene Gewaltfantasien häuften. Selbst vergleichsweise moderate Kommentare wie „Da bleibt doch nur die AfD“ verdeutlichen die politische Instrumentalisierung des Ereignisses. Die Politikwissenschaft beschreibt solche Prozesse als Ausdruck digitaler Gegenöffentlichkeiten, innerhalb derer sich Misstrauen gegenüber Institutionen, Verschwörungserzählungen und populistische Affekte gegenseitig verstärken (vgl. Benkler/Faris/Roberts 2018).
Bemerkenswert erscheint dabei insbesondere das hohe Vertrauen, das Teile der Öffentlichkeit dem Influencer Robert Marc Lehmann entgegenbrachten, nachdem dieser die Rettungsmission verlassen hatte, nachdem ihm weitere Beteiligung untersagt worden war. Die öffentliche Reaktion verdeutlichte eindrücklich die Verschiebung epistemischer Autorität von wissenschaftlichen Institutionen hin zu medial personalisierten Akteuren. Die Situation erinnerte stellenweise an die Seinfeld-Episode „The Marine Biologist“, in der symbolische Kompetenz die tatsächliche Expertise überlagert.
Die Walrettung selbst entwickelte sich zu einem medialen Wechselspiel aus Hoffnung, Dramatisierung und kollektiver Emotionalisierung. Zwar gelang es zunächst, Timmy von der Sandbank zu befreien und zum Weiterschwimmen zu animieren; kurze Zeit später strandete der Wal jedoch erneut, unter anderem vor Wismar. In sozialen Netzwerken kursierten daraufhin Spekulationen über ein angeblich „suizidales Verhalten“ des Tieres, begleitet von Kommentaren wie „Ist der Wal blöd?“. Derartige Zuschreibungen illustrieren anthropomorphisierende Kommunikationsmuster, innerhalb derer Tiere mit menschlichen Intentionen, Emotionen und Rationalitäten versehen werden.
Schließlich wurde Timmy Anfang Mai 2026 im Skagerrak bzw. in der Nordsee aus einer Transport-Barge freigelassen. Der aktuelle Status des Tieres bleibt jedoch unklar. Verlässliche Ortungsdaten oder bestätigte Sichtungen liegen bislang nicht vor. Nach Angaben des Umweltministeriums Mecklenburg-Vorpommern wurden die vereinbarten GPS-Daten durch die private Rettungsinitiative nicht vollständig übermittelt. Mehrere Meeresbiolog:innen und Fachinstitutionen äußerten daher erhebliche Zweifel an den Überlebenschancen des Tieres. Bereits ein Gutachten des Deutschen Meeresmuseums sowie des ITAW hatte Mitte April festgestellt, die Erfolgsaussichten einer Lebendbergung seien „sehr gering“.
Die gesamte Rettungsaktion wird inzwischen öffentlich kontrovers diskutiert. Kritisiert werden insbesondere mangelnde Transparenz, technische Defizite beim Tracking sowie die starke mediale Emotionalisierung des Falls. Teilweise wurde die Aktion von Expert:innen sogar als „Katastrophe“ bezeichnet. Gegenwärtig gilt daher als wahrscheinlich, dass der Buckelwal die Strapazen nicht überlebt hat.
Fazit:
Die Fälle von Wels, Wolf und Wal verdeutlichen exemplarisch, wie Wildtiere innerhalb spätmoderner Mediengesellschaften nicht primär als zoologische Akteure, sondern als narrative Projektionsflächen gesellschaftlicher Selbstverständigungsprozesse fungieren. Ihre mediale Relevanz entsteht weniger aus ihrer biologischen Besonderheit als aus ihrer diskursiven Anschlussfähigkeit an bestehende politische Konfliktlinien, affektive Deutungsmuster und digitale Aufmerksamkeitsökonomien. Tiere werden damit zu symbolischen Verdichtungen gesellschaftlicher Unsicherheiten, an denen sich Fragen staatlicher Handlungsfähigkeit, ökologischer Transformation, kollektiver Empathie sowie kultureller Zugehörigkeit verhandeln lassen.
Auffällig ist dabei insbesondere die hohe narrative Plastizität tierbezogener Medienereignisse. Während der Wels und der Wolf primär innerhalb von Bedrohungs- und Kontrollverlustnarrativen codiert wurden, erschien der Buckelwal als moralisch aufgeladenes Opfer, dessen Rettung symbolisch für Fürsorge, Humanität und ökologische Verantwortung stand. Die mediale Konstruktion der Tiere folgte dabei klassischen dramaturgischen Logiken personalisierter Konflikterzählungen: Täter, Opfer, Retter:innen und vermeintliche Verantwortliche wurden in klar erkennbare narrative Rollen überführt. Gerade digitale Öffentlichkeiten begünstigen solche Vereinfachungen, da emotionalisierte, moralisch eindeutig strukturierte Inhalte besonders hohe Sichtbarkeit und Anschlusskommunikation erzeugen (vgl. Papacharissi 2015).
Zugleich offenbart der Fall „Timmy“ die zunehmende Hybridisierung von Informations-, Unterhaltungs- und Aktivismuslogiken innerhalb digitaler Öffentlichkeiten. Wissenschaftliche Expertise, politisches Krisenmanagement, influencergetriebene Emotionalisierung und populistische Gegenöffentlichkeiten verschränkten sich zu einem hochgradig dynamischen Kommunikationsraum, in dem die Grenzen zwischen Information, Affektmobilisierung und performativer Selbstdarstellung zunehmend verschwimmen. Die Rettungsaktion entwickelte sich dadurch weniger zu einem rein naturschutzbezogenen Vorgang als vielmehr zu einem medialen Echtzeitdrama mit seriellen Eskalations- und Emotionalisierungsmechanismen.
Besonders deutlich trat hierbei die Rolle von Desinformation und verschwörungsideologischer Anschlusskommunikation hervor. Gerüchte über angebliche staatliche Interessen am Tod des Wals, Unterstellungen gezielter Manipulation oder Gewaltfantasien gegenüber politischen und wissenschaftlichen Akteur:innen folgten typischen Mustern digitaler Desinformationsdynamiken. Komplexe Sachverhalte wurden intentionalisiert, institutionelles Handeln systematisch delegitimiert und wissenschaftliche Unsicherheit in vermeintliche Täuschungsabsicht umcodiert. Solche Narrative funktionieren insbesondere deshalb erfolgreich, weil sie affektive Orientierung in Situationen hoher Unsicherheit anbieten und zugleich bestehendes Misstrauen gegenüber politischen Institutionen verstärken (vgl. Butter 2018; Benkler/Faris/Roberts 2018).
Bemerkenswert erscheint darüber hinaus die Verschiebung epistemischer Autorität innerhalb digitaler Öffentlichkeiten. Teile der Öffentlichkeit brachten einzelnen Influencern oder Content Creatern größeres Vertrauen entgegen als wissenschaftlichen Institutionen oder Fachbehörden. Diese Entwicklung verweist auf einen grundlegenden Strukturwandel öffentlicher Kommunikation: Glaubwürdigkeit wird zunehmend nicht mehr institutionell, sondern performativ und affektiv erzeugt. Authentizität, emotionale Nähe und Sichtbarkeit konkurrieren dabei mit wissenschaftlicher Expertise und formaler Legitimation, wie es auch die Covid-19-Pandemie gezeigt hat.
Die analysierten Fälle zeigen somit, dass Wildtiere in gegenwärtigen Mediengesellschaften als Knotenpunkte affektiver, politischer und epistemischer Konflikte fungieren. Ihre mediale Verarbeitung offenbart zentrale Strukturmerkmale digitalisierter Öffentlichkeiten: die Dominanz emotionalisierter Narrative, die hohe Anschlussfähigkeit populistischer Ressentiments, die Erosion institutionellen Vertrauens sowie die zunehmende Verschränkung von Unterhaltung, Aktivismus und Desinformation. Die gesellschaftliche Bedeutung von Wels, Wolf und Wal liegt daher letztlich weniger in ihrer biologischen Existenz als in ihrer Funktion als narrative Träger kollektiver Ängste, Hoffnungen und politischer Polarisierung.
Literatur
Altheide, David L. (2002): Creating Fear: News and the Construction of Crisis. New York.
Benkler, Yochai / Faris, Robert / Roberts, Hal (2018): Network Propaganda. Oxford.
Bennett, W. Lance / Livingston, Steven (2018): “The Disinformation Order.” In: European Journal of Communication 33(2).
Bisi, J. et al. (2010): “The good bad wolf – wolf evaluation reveals the roots of the Finnish wolf conflict.” In: European Journal of Wildlife Research.
Cohen, Stanley (1972): Folk Devils and Moral Panics. London.
Couldry, Nick / Hepp, Andreas (2017): The Mediated Construction of Reality. Cambridge.
Entman, Robert M. (1993): “Framing: Toward Clarification of a Fractured Paradigm.” In: Journal of Communication 43(4).
Kepplinger, Hans Mathias (2011): Die Mechanismen der Skandalisierung. München.
Lorimer, Jamie (2007): “Nonhuman Charisma.” In: Environment and Planning D: Society and Space 25(5).
Mouffe, Chantal (2005): On the Political. London.
Mutz, Diana / Nir, Lilach (2010): “Not Necessarily the News: Does Fictional Television Influence Real-World Policy Preferences?” In: Mass Communication and Society.
Nisbet, Matthew C. (2009): “Communicating Climate Change: Why Frames Matter.” In: Environment 51(2).
Papacharissi, Zizi (2015): Affective Publics: Sentiment, Technology, and Politics. Oxford.
Sjölander-Lindqvist, Annelie (2009): “Social-Natural Landscape Reorganised.” In: Geoforum 40(6).





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