top of page

Professional Wrestling & Politische Akteure

  • 4. März
  • 24 Min. Lesezeit
Quelle: AP
Quelle: AP

1. Trump und die WWE

Theoretische Einordnung:


Das Professional Wrestling selbst versteht sich als kulturelle Praxis, deren marginaler Status,

Ästhetik und Rezeption aus einer spezifischen historischen und medialen Konstellation

hervorgehen. Dalbir S. Sehmby identifiziert fünf Ursachen für den schlechten Ruf des

Genres: „its status as low art, its historical development, its liminal existence, its spectacle of

excess, and its form of hybrid media“.¹ Wrestling wurzelt in wandernden Jahrmarkts- und

Vaudeville-Shows, die „the lowest rung on the artistic scale“ besetzten und deren Erbe sich bis heute in der nomadischen Organisationsform und im „huckster element“ der Selbstvermarktung fortsetzt.²

Trotz dieser Herkunft entwickelte sich Wrestling im 20. Jahrhundert zu einem

Massenmedium: Laut David Hofstede wurde es 1948 erstmals im US-Fernsehen ausgestrahlt, und bereits wenige Jahre später konnte man „wrestling shows six nights a week“ finden.³ Mit dem Aufstieg der WWF/WWE in den 1980er Jahren kam es zur globalen Durchsetzung des US-amerikanischen Wrestlings, das seither Großereignisse mit Millionenpublikum erzeugt. Gleichwohl bleibt die soziale Stigmatisierung bestehen: Performer und Publikum werden weiterhin mit Unkultiviertheit assoziiert, während die Arbeitsbedingungen vielfach prekär bleiben.⁴ Spricht man heute vom Professional Wrestling ist damit fast automatisch die WWE gemeint, da sich deren Marktdominanz über die vergangenen zwanzig Jahre etabliert hat.

Nach dem Ende von WCW und deren Aufkauf durch die WWE, existiert heute nur noch die AEW als zweite, größere Promotion und eine Vielzahl von Indie-Ligen.

Ästhetisch und narrativ operiert Wrestling in einem Grenzbereich zwischen Sport, Theater

und Zirkus. Sharon Mazer beschreibt es als „a sport that is not, in the literal sense of the word, sporting; a theatrical entertainment that is not theatre“, dessen Gewalt weniger Wettbewerb als „a ritualized encounter“ darstellt.⁵ Die Figuren und Erzählungen sind zugleich archetypisch und zeitgenössisch und entziehen sich einfachen moralischen Lesarten: Wrestling sei „more carnival than Mass“ und spiele mit widersprüchlichen kulturellen Bedeutungen.⁵

Roland Barthes rückt die Praxis in die Nähe des antiken Theaters, indem er auf die „großen,

überzeichneten Gesten“ verweist, mit denen Wrestling zugleich den sportlichen Wettkampf

parodiert.⁶ Für den Zuschauer entsteht daraus eine paradoxe Lust an Oberfläche und

Unglaubwürdigkeit: „The pleasure comes in seeing what cannot be believed, yet is constantly

asserted to us as undeniably true.“⁷

Zentral ist dabei das Spannungsverhältnis zwischen Realität und Fiktion. Wrestling erzeugt

eine Rezeptionsposition, die weder eindeutig faktual noch rein fiktional ist. Der Zuschauer folgt einem Live-Ereignis mit möglichen Fehlern und Unfällen und zugleich einer geskripteten

Narration, weshalb er „a marginal space, between non-fiction and fictional modes of watching“ einnimmt.⁸ Wrestling fungiert damit als Metadrama. Täuschung („work“) und Enthüllung („shoot“) strukturieren die Performances, wobei nicht nur „suspension of disbelief“

angestrebt wird, sondern ein permanentes Schwanken, bei dem der Zuschauer „actually

believe or doubt what is real and what is not real“.⁹

Dieses Prinzip wurde lange durch das Konzept des „kayfabe“ abgesichert, das die Fiktion auch außerhalb des Rings stabilisierte. Henry Jenkins betont noch 1997: „There is no stepping outside the fiction, no acknowledgment of the production process or the act of authorship.“¹⁰ Erst im postmodernen Klima der 1990er Jahre wurde der bewusste Illusionsbruch selbst zum

Stilmittel.

Aus dieser strukturellen Unsicherheit ergibt sich die spezifische Attraktivität des Wrestlings. Jeder Kampf kann potenziell vom „work“ zum „shoot“ kippen, wodurch der Zuschauer entlang einer „axis of unknowing“ positioniert wird und zwischen fiktionalem Wissen und

nichtfiktionaler Ungewissheit oszilliert.¹¹ Wrestling-Fans bewegen sich damit permanent auf dem Weg zum Insiderstatus: „They don’t so much suspend disbelief as they sustain it while looking for moments in which to believe.“¹² Autobiografien von Wrestlern setzen genau hier an, indem sie Einblick in die verborgenen Mechanismen dieses hybriden, selbstreflexiven und grundsätzlich ambivalenten Unterhaltungssystems versprechen.

Im Artikel „Wrestling – Wenn professioneller Sport auf professionelles Theater trifft“ analysiert Gerd Hallenberger Professional Wrestling ebenfalls als hybrides Medienphänomen, das systematisch zwischen Sport, Theater und populärkultureller Erzählform operiert.

Ausgangspunkt ist der Unterschied zum klassischen Sport: Während dort Ergebnisoffenheit

herrscht, „steht der Sieger beim Wrestling vorher fest“. Gleichwohl agieren Wrestler als

hochtrainierte Athleten, deren körperliche Leistungsfähigkeit reale Voraussetzungen für die

inszenierte Konkurrenz bildet. Wrestling erscheint damit zugleich als authentische Körperpraxis und als fiktionale Darstellung. Hallenberger argumentiert, dass Wrestling dort besondere Stärken entfaltet, wo konventioneller Sport medienästhetisch an Grenzen stößt. Während Sportereignisse häufig narrativ isoliert bleiben, sorgt Wrestling durch Autorenschaft für Dramatisierung: „Kein Wrestling-Match steht für sich allein – formal ist es in eine Dramaturgie aus Regelveranstaltungen und besonderen Events, inhaltlich in komplexe Storylines eingebunden.“ Die Kämpfe fungieren als Episoden einer fortlaufenden Erzählung, in der emotionale Identifikation zentral ist und Figuren systematisch Sympathie oder Antipathie erzeugen. Wrestling lässt sich, nach Hallenberger, kulturtheoretisch als „athletisches Körpertheater“ betrachten, das bewusst mit der Grenze zwischen Realität und Fiktion operiert.

Weil Sport traditionell als paradigmatisch authentisch gilt, fällt beim Wrestling dessen

Künstlichkeit besonders ins Gewicht: „Dem ersten Anschein nach geht es offensichtlich

um Sport, tatsächlich aber um Fiktion.“ Alle Matches sind Teil „einer großen Erzählung“, die

den Kampf zwischen Gut und Böse inszeniert und Themen wie Loyalität, Verrat, Moral und

Gerechtigkeit verarbeitet. Hallenberger verortet diese Form zwischen Commedia dell’Arte

und Soap Opera und betont ihre Nähe zur Theaterwissenschaft.

Zugleich ist Wrestling auf die aktive Beteiligung des Publikums angewiesen. Bedeutung entsteht erst durch emotionale Resonanz: Welche Figuren bestehen, hängt davon ab,

„wie viel Emotion sie mit ihren Auftritten erzeugen können – egal, ob Begeisterung oder Buhrufe“. Wrestling produziert somit eine performative Koproduktion zwischen Akteuren und Zuschauern. Ein zentrales Strukturprinzip bildet erneut das Kayfabe, das Hallenberger als

wrestlingspezifische Erweiterung schauspielerischer Fiktionalität beschreibt. Wrestler agieren „in einem vorher festgelegten Stück“, sollen jedoch den Eindruck realer Unmittelbarkeit erzeugen. Anders als im Theater existiert keine „vierte Wand“: Interaktionen mit dem. Publikum gehören zur Inszenierung. Kayfabe bezieht Performer, Medien und Publikum zugleich ein. Illusionsbrüche können die Fiktion unterminieren, zugleich aber neue

Aufmerksamkeit generieren.

Historisch verortet Hallenberger den medialen Durchbruch des Wrestlings in den 1980er-Jahren unter Vince McMahon, der die WWF/WWE zu einem globalen Medienunternehmen

formte. Figuren wie Hulk Hogan fungierten als symbolische Projektionsflächen, in deren

Matches nicht nur sportliche Konkurrenz, sondern politische Mythologien inszeniert wurden,

etwa im Kampf gegen den Iron Sheik 1984 als Stellvertreter des Iran oder 1991 gegen Irak-

Sympathisant Sgt. Slaughter. Letzteres übrigens ein sehr geschmackloser Ansatz.

Wrestling bleibt dabei ein Ort der „Aushandlung von Männlichkeit“. Es präsentiert diese zugleich affirmativ und ironisch: Wrestling „schafft es, gleichzeitig eine Parodie von

Männlichkeitskonzepten aufzuführen und sie beispielhaft zu repräsentieren“. Die performative Übersteigerung des männlichen Körpers macht damit sowohl Machtfantasien als auch deren Fragilität sichtbar.

Zusammenfassend lässt sich Professional Wrestling demnach als medialisiertes

Körpertheater beschreiben, das sportliche Authentizität simuliert, dramaturgisch

fiktionalisiert und kulturell codiert. Es ist weder Sport noch Theater, sondern eine hybride Form populärer Mythenerzählung, deren Attraktivität aus der Spannung zwischen Realität,

Inszenierung, Publikumspartizipation und symbolischer Bedeutungsproduktion entsteht.


„Bruch“ des Kayfabe

Wie oben erwähnt, versteht man unter „Kayfabe“ die Notwendigkeit, die Illusion, das Wrestling-Geschehen als „real“ stets aufrechtzuerhalten. Apologeten wie Jim Cornette betrachten einen Bruch dieser Illusion als höchste Sünde im professionellen Wrestling und bis in die späten 1990er Jahre waren sich viele Zuschauer dem Ausmaß der Illusion auch nicht bewusst und das Geschehen im Ring wurde, speziell auch in Deutschland, als real dargestellt und verteidigt.

Ironischerweise waren es dann aber auch Brüche des Kayfabe, die heute als zentrale Ereignisse innerhalb der WWE-Historie wahrgenommen werden, wie der sog. „Montreal Screwjob“ 1997, der bis heute diskutiert wird. Auch der sog. „Curtain Call“ ein Jahr

zuvor, zerstörte die Wrestling-Illusion und „exposed the business.“

Wrestling als Modell politischer Kommunikation unter Donald Trump „Wrestling verstehen heißt Politik verstehen“, so der Ethnologe Alexander Clarkson. Er führt weiter aus, dass Politikwissenschaftler die Wählerschaft Donald Trumps besser begreifen würden, wenn sie sich Wrestling-Shows ansehen würden, anstatt über das Deutschland der 1920er Jahre zu schwadronieren. Wrestling fungiert hier nicht als bloße Metapher, sondern als analytisches Modell für eine postfaktische, emotionsgetriebene Öffentlichkeit. Damit ist es perfekt für Trump. Dieser hat die Mechanismen verstanden, mit denen Wrestling ein Millionenpublikum emotional bindet, und hat sie strategisch bereits im Wahlkampf eingesetzt.

In den vergangenen Jahren haben diverse Artikel auf die Verbindung zwischen Wrestling und dem Politikstil von Donald Trump verwiesen. Das überrascht nicht, wenn man die langjährige Beziehung zwischen Trump und speziell der WWE und dessen ehemaligen CEO und prägenden Figur, Vince McMahon, bedenkt. Zwei aufeinanderfolgende WrestleManias

(IV und V), quasi der Superbowl des Wrestlings, fanden im Trump Plaza statt, Trump selbst

„besiegte“ im sog. „Battle of the Billionaires“ Vince McMahon, dem daraufhin im Ring der Kopf rasiert wurde, bis hin zum öffentlichen Support für Trump in dessen Wahlkampf durch WWE-Ikone Hulk Hogan und die Berufung von Linda McMahon in Trumps Kabinett. Gerade Hogan trat als symbolisch aufgeladener Unterstützer auf und reproduzierte dabei typische Wrestling- Performances: Lautstärke, Slogans und affektive Mobilisierung statt politischer Argumentation. Der Wahlkampf erscheint dadurch als Fortsetzung der Wrestling-Dramaturgie mit politischen Mitteln.

Zu beachten ist auch, dass der Begriff „Wrestling“ Vince McMahon stets zuwider war und dieser seine Veranstaltungen als „Sports Entertainment“ bezeichnet hatte und auch dem Großteil der US-Bevölkerung dürfte Trump nicht als Immobilienmilliardär bekannt geworden sein, sondern als Gesicht der TV-Show „The Apprentice“. Mehrere der publizierten Texte

übertragen die Logik des Professsional Wrestling auf den Politikstil Donald Trumps.

Ausgangspunkt ist die These, dass moderne Politik zunehmend performativ, affektiv und narrativ organisiert ist. Wrestling fungiert dabei nicht als bloße Metapher, sondern als analytisches Modell für eine emotionsgetriebene Öffentlichkeit. Zentral ist die strukturelle Analogie zwischen Wrestling und politischer Kommunikation. Wrestling ist kein Wettkampf, sondern inszenierte Praxis mit festgelegter Dramaturgie, Rollenverteilung und Ergebnis. Zwar erbringt es reale körperliche Leistungen, doch fehlt ihm die sportliche Ergebnisoffenheit. Genau diese Verbindung von Körperrealität und narrativer Konstruktion wird auf Trumps Politikstil transferiert: Auch hier geht es weniger um Programme als um affektive Mobilisierung.

Im Zentrum steht die Steuerung von Emotionen. Sowohl im Wrestling als auch in Trumps

Kampagnen geht es primär um Sympathien und Antipathien. Trump orientiert sich nicht an der Figur des klassischen Helden, sondern, im Wrestling-Duktus, am „Heel“ – dem Provokateur, der beleidigt, Regeln und Tabus bricht und dabei negative Aufmerksamkeit produktiv nutzt. Die Gefühle der Masse werden damit „hochgeschaukelt“. Ablehnung gilt nicht als Misserfolg, sondern als Form der Bindung. Ein Transfer aus dem Sports Entertainment in den richtigen Sport dieser Bindung gelang bspw. Muhammad Ali, der das Publikum ebenfalls bewusst provozierte und seine Gegner beleidigte, dafür aber auch gefeiert wurde. Wird ein „Heel“-Wrestler in der Halle ausgebuht, empfindet dieser das nicht als persönliche Ablehnung durch das Publikum, sondern als Bestätigung, seine Aufgabe, seinen Job, richtig erfüllt zu haben. Gleichzeitig orientiert sich Trumps Einteilung der Welt an der „Good-vs-Evil“-Dualität des Wrestlings in den 1980er Jahren. Auch der plötzliche Wechsel von Held („face“) zum Schurken („heel“) und umgekehrt, welcher ein zentrales Wrestling-Element darstellt, lässt sich bspw. am Umgang Trumps mit Wladimir Putin beobachten. Trump hat diese binäre Codierung des Wrestling übernommen, indem er Politik als Kampf zwischen eindeutig konstruierten Guten und Bösen inszeniert. Gegner werden nicht primär sachlich, sondern narrativ als Feindfiguren etabliert. Diese Logik zielt darauf, Gefolgschaft durch affektive Mobilisierung zu erzeugen: Die Ursache sozialer oder ökonomischer Probleme wird externalisiert und personalisiert, während Trump sich als kämpfender Erlöser positioniert. Politik erscheint damit als dramaturgisch verdichteter Konflikt, nicht als deliberativer Prozess. Trump erzeugt Räume, in denen Emotionen – Wut, Begeisterung, nationale Erregung – öffentlich legitimiert und kollektiv ausagiert werden können. Politik wird so zu einem Erlebnisformat. Trump erscheint dabei nicht als Ausnahme, sondern als Extremform dieser Entwicklung. Das Spezifische an ihm ist, dass seine Anhängerschaft bereit ist, besonders offensichtliche Fiktionalisierungen zu akzeptieren und dennoch Loyalität zu zeigen. Wo Politik vor allem als Simulation wahrgenommen wird, wählen viele nicht das sachlichste, sondern das unterhaltsamste Angebot – insbesondere eines mit anti-establishment Pose und chaotischer Dramaturgie, beides Produkte einer „pro-wrestlingisierten“ politischen Kultur. Gleichzeitig funktionieren Trumps Wahlkämpfe stärker als regelrechte Shows: Ruf-und-Antwort-Rituale, Spitznamen für Gegner, überzeichnete Feindbilder und spektakuläre Auftritte reproduzieren zentrale Elemente der Wrestling-Performance. Politik wird weniger argumentativ als emotional organisiert. Das Publikum wird nicht überzeugt, sondern eingebunden, indem bewusst ein anti-elitistisches Image konstruiert und eine direkte affektive Beziehung etabliert wird. Professional Wrestling dient dabei als kulturelles Trainingsfeld für eine Politik, die Männlichkeit als Ressource politischer Mobilisierung einsetzt. Die Administration produziert symbolisch eine Ordnung, in der „men’s feelings“ priorisiert und politische Autorität als Ausdruck emotional legitimierter Stärke präsentiert wird. Biografisch verstärkt wird diese Logik, wie bereits erwähnt, durch Trumps enge Verbindung zur WWE. Trump ist Hall-of-Fame-Mitglied, Gastgeber früher WrestleManias und Teil inszenierter Storylines wie dem „Battle of the Billionaires“. Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht auch die Rücksichtslosigkeit, die sowohl Trump als auch Vince McMahon auszeichnet. Für Trump ist die Show das zentrale Element seines Politikstils und schon während seiner Zeit als Immobilienmogul in New York nutzte er Bestechung, um seine Ziele zu erreichen. Für den WWE-Promoter ist die Show der Primat, dem er alles Handeln unterordnet. So ließ McMahon u.a. eine Live-Veranstaltung nach dem Unfalltod des Wrestlers Owen Hart im Ring nicht abbrechen und erkaufte sich zu Beginn seiner Karriere seinen Platz bei TV-Sendern oder erpresste diese schlicht. Außerdem muss auf die weiteren, problematischen Parallelen in den Biografien Trumps und McMahons verwiesen werden, insbesondere Vorwürfe sexueller Übergriffe und Schweigegeldzahlungen. Trotz der Ermittlungen gegen McMahon distanziert sich Trump nicht von seinem langjährigen Partner, was die persönliche wie politische Kontinuität dieser Verbindung unterstreicht. Die Beziehung zu Vince und Linda McMahon verschränkt Wrestling, Ökonomie und Politik institutionell, etwa durch Linda McMahons Ernennung in Trumps Administration. Auch zu UFC-Chef Dana White unterhält Trump gute Beziehungen und heute sind sowohl WWE als auch UFC unter dem Konzern TKO vereint. Der Präsident unterhält also gute Beziehungen zu Anhängern dieser „kulturell marginalisierten Unterhaltungsformen“, während die jeweiligen CEOs als Brückenakteure zwischen Entertainment, ökonomischer Macht und politischer Elite fungieren. Die Integration von Wrestling-Prominenz in Parteitage, Wahlkampf und Kabinett wird als Ausdruck einer politischen Ästhetik gelesen, die Spektakel, Hypermaskulinität und Personalisierung systematisch nutzt. Wahlkampfauftritte und Regierungsinszenierungen übernehmen Formen des Wrestlings: Dramaturgie, Feindbilder, Überhöhung des Anführers und affektive Mobilisierung. Ein zentrales analytisches Konzept bleibt auch hier Kayfabe. Ursprünglich bezeichnet es die kollektive Aufrechterhaltung der Illusion im Wrestling trotz bekannter Fiktionalität. Übertragen auf Politik beschreibt Kayfabe eine Rezeptionsweise, in der Anhänger die Künstlichkeit politischer Kommunikation kennen, sich aber dennoch emotional auf sie einlassen. Trumps Unterstützer „suspendieren Unglauben“, akzeptieren offenkundige Überzeichnungen, um Teil der Inszenierung zu bleiben. Auch MAGA-Anhänger wissen, was Spin, Fokusgruppen und Inszenierung bedeuten, folgen aber dennoch der Aufführung. Wie Kommunikationsforscherin Carrie Lynn

Reinhard erklärt, ist nicht nur die Performance entscheidend, sondern der emotionale „Buy-in“ des Publikums. Trumps Politikstil erzeugt Anschlussfähigkeit für Rationalisierungen („He’s got a plan“), selbst wenn ökonomische oder soziale Effekte gegenteilig ausfallen. Politik wird so zu einer Ko-Produktion zwischen Führung und Gefolgschaft. Damit verschiebt sich politische Partizipation von Überzeugung zu Teilnahme an einer Erzählung. Politik wird damit zur kollektiven Performance, in der Wahrheit an normativer Priorität verliert. In dieser politischen Sphäre entspricht Kayfabe der Praxis, Trump „ernst, aber nicht wörtlich“ zu nehmen (eine vertraute Formel der Presse) – eine Haltung, die strategische Ambiguität normalisiert. Josephine Riesman radikalisiert diesen Befund mit dem Begriff von „Neokayfabe“. Damit beschreibt sie eine Kommunikationsform, in der Produzenten und Rezipienten zunehmend die Unterscheidung zwischen Realität und Inszenierung verlieren. Politik wird zum Spiegelkabinett, in dem Narrative wichtiger sind als Fakten und affektive

Erregung die Stelle von Wahrheit einnimmt. Diese Unsicherheit erzeugt Spannung, Aufmerksamkeit, politische Wirksamkeit und entscheidend ist dabei nicht die Auflösung der

Illusion, sondern deren produktive Aufrechterhaltung: „The real show is about keeping everyone guessing.“ Diese Entwicklung markiert eine Verschiebung demokratischer Partizipation: von Überzeugung zu Teilnahme an einer Erzählung. Bürger handeln nicht primär als rationale Entscheider, sondern als Mitspieler einer Performance. Trumps Erfolg erscheint so weniger als Ausnahme denn als Zuspitzung einer strukturellen Transformation politischer Öffentlichkeit.

Die zweite Amtszeit Donald Trumps kann als radikalisierte Form einer bereits zuvor angelegten Entwicklung beschrieben werden, als „Substitution klassischer politischer Normen durch affektive Ersatzordnungen“. Wie Sarah Banet-Weiser betont, zerstört diese Politik bestehende institutionelle Praktiken und ersetzt sie durch emotionale Mobilisierung. Der Unterschied zur Unterhaltung liegt in den Konsequenzen: Während Reality-TV folgenlos

bleibt, transformiert „Reality Politics“ materielle Lebensbedingungen.


Fazit:

Zusammenfassend lässt sich Trumps Politik also als wrestlingförmige Performanz

interpretieren. Politik wird nicht primär als rationale Aushandlung, sondern als Spektakel,

Erzählung und Affektökonomie verstanden. Helden-Schurken-Schemata, Inszenierung,

Feindkonstruktion und Kayfabe ersetzen Programmatik und deliberative Logik.

Zustimmung entsteht nicht durch Argumente, sondern durch emotionales „Mitspielen“ in einer konstruierten Realität. Professional Wrestling dient als Modellfall für eine politische

Öffentlichkeit, in der Politik nicht mehr primär als rationale Entscheidungsfindung,

sondern als narrative, emotionale und performative Praxis organisiert ist. Trumps Erfolg wird

somit weniger als Ausnahme, sondern als Zuspitzung einer strukturellen Transformation

demokratischer Politik verstanden: Inszenierung, Emotionalisierung, Feindkonstruktion und

narrative Plausibilität treten an die Stelle von Diskurs, Wahrheit, Programmatik und

institutioneller Autorität. Trump ist dabei weniger Ursache als Symptom einer strukturellen

Transformation: Politik wird zur Bühne, Bürger zu Mitspielern – und demokratische Zustimmung zunehmend zu einer Form des „keeping kayfabe“. Der Trumpismus selbst kann als Verschmelzung von Entertainmentlogik, Männlichkeitsperformanz und politischer Macht

interpretiert werden. Wrestling liefert dabei nicht nur Metaphern, sondern ein funktionales Modell für eine Politikform, die auf Emotionalisierung, Identifikation, Normbruch und kollektives „Mitspielen“ setzt. Demokratie wird weniger als rationales Aushandlungssystem, sondern als affektives Spektakel organisiert, in dem Zustimmung durch Performance erzeugt wird. Ironischerweise ist das aktuellere Wrestling-Storytelling natürlich vielschichtiger und bedient andere dramaturgische Plotpoints als es das deutlich primitivere „Good vs Evil“ des Wrestling Golden Age in den 1980ern tat. Diese bipolare Einteilung ist es aber auch, die sich Donald Trump zunutze macht, das „Us vs Them“, eine klare Kategorisierung für eine Welt, die viel zu komplex ist, als dass diese schlichten Einteilungen noch funktionieren können.


2. Handlungsempfehlungen für politische Akteure


„Die gesellschaftlichen Konfliktlinien verlaufen heute nicht mehr zwischen konservativ

und liberal, sondern zwischen disruptiv und stabilisierend.“

Dieses Zitat findet sich nicht etwa in einem soziologischen Fachbuch, sondern wurde

2010 von Apple-CEO Steve Jobs an den News Corp-Gründer Rupert Murdoch gerichtet, als dessen Publikationen als Apps für das iPad implementiert werden sollten. Was Jobs in diesem Gespräch eher beiläufig als strategische Einschätzung formulierte, lässt sich jedoch über den Bereich technologischer Innovation hinaus als Diagnose eines umfassenderen politischen Stimmungswandels lesen. Die Verschiebung von klassischen ideologischen Gegensätzen hin zu einer Gegenüberstellung von „disruptiv“ und „stabilisierend“ betrifft längst nicht mehr nur Märkte und Medienformate, sondern auch politische Kommunikation und gesellschaftliche Selbstverständnisse. Gerade in populistischen Diskursen wird diese

Logik sichtbar, indem politische Akteure weniger über programmatische Kategorien als

über Bruch, Beschleunigung oder Wiederherstellung sprechen.

In diesem Kontext gewinnt die Rhetorik Donald Trumps besondere Relevanz. Sie operiert nicht primär entlang traditioneller parteipolitischer Gegensätze, sondern inszeniert Politik als Entscheidung zwischen radikalem Umbruch und der behaupteten Rettung einer bedrohten Ordnung. Trumps Sprache transformiert damit Jobs’ ökonomisch-technologische Unterscheidung in eine politische Kampfzone: Disruption wird zum Versprechen der Erneuerung, Stabilisierung zum Symbol eines vermeintlich korrupten Status quo. Die Analyse seiner Rhetorik erlaubt es folglich, die von Jobs skizzierte Konfliktlinie als zentrales Strukturprinzip gegenwärtiger politischer Kommunikation nachzuzeichnen.


Umgang mit populistischer Rhetorik – Politikwissenschaftliche Einschätzung

Der Umgang mit populistischen Regierungschefs zählt zu den zentralen Herausforderungen moderner Demokratien. Die politikwissenschaftliche Forschung ist sich weitgehend einig, dass Populismus nicht primär durch offene Konfrontation oder moralische Delegitimierung eingehegt werden kann, sondern vor allem durch die Stärkung demokratischer Institutionen. Steven Levitsky und Daniel Ziblatt zeigen in How Democracies Die (2018), dass Demokratien heute selten durch plötzliche Umstürze zerbrechen, sondern durch schleichende Erosion: Regierungen untergraben Gerichte, Medien, Wahlverfahren und Verwaltungsapparate von innen heraus. Daraus folgt eine zentrale Handlungsempfehlung: Nicht die Person des populistischen Führers sollte im Zentrum der Gegenstrategie stehen, sondern der Schutz von Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und unabhängigen Kontrollinstanzen. Populisten profitieren davon, wenn Politik personalisiert wird und sie sich als Opfer eines „Systems“ inszenieren können. Institutionelle Stabilisierung entzieht diesem Narrativ langfristig den Boden.

In der Frage, ob populistische Akteure isoliert oder eingebunden werden sollten, hat sich die Forschung von einfachen Ausgrenzungsstrategien entfernt. Cas Mudde und Cristóbal Rovira Kaltwasser argumentieren in Populism: A Very Short Introduction (2017), dass Populismus nicht automatisch antidemokratisch ist, sondern erst dann gefährlich wird, wenn er institutionelle Regeln missachtet. Ein vollständiger „Cordon sanitaire“ kann Opfermythen verstärken, während unkritische Kooperation autoritäre Praktiken normalisiert. Empfohlen wird daher ein Ansatz der Einhegung („containment“): Populistische Regierungschefs sollen sachpolitisch eingebunden, aber normativ klar begrenzt werden. Kooperation muss an Rechtsstaatlichkeit, Transparenz und institutionelle Loyalität geknüpft sein. Normverletzungen sollten nicht skandalisiert, sondern regelgebunden sanktioniert werden. Dadurch bleibt der Konflikt politisch statt moralisch aufgeladen. Zugleich betont die Forschung, dass Populismus nicht allein ein Kommunikationsphänomen ist, sondern tiefere soziale Ursachen hat. Pippa Norris und Ronald Inglehart beschreiben in Cultural Backlash (2019), dass populistische Unterstützung aus einer Kombination von sozioökonomischer Unsicherheit und kultureller Verunsicherung entsteht. Globalisierung, technokratische Politikstile und wachsende Ungleichheit erzeugen das Gefühl politischer Entfremdung. Handlungsempfehlungen zielen deshalb auf die Re-Politisierung demokratischer Repräsentation: soziale Absicherung, regionale Ausgleichspolitik, stärkere Bürgerbeteiligung und verständliche politische Kommunikation. Wenn etablierte Parteien Konflikte nur verwalten statt repräsentieren, überlassen sie populistischen Akteuren das Feld der Vereinfachung. Besondere Aufmerksamkeit gilt der politischen Kommunikation. Benjamin Moffitt zeigt in The Global Rise of Populism (2016), dass Populismus von einem permanenten Krisenmodus lebt: Skandalisierung, Dramatisierung und Freund-Feind-Rhetorik erzeugen Sichtbarkeit. Demokratien schwächen sich selbst, wenn sie diese Logik imitieren oder moralisch überhöhen. Die Forschung empfiehlt stattdessen, Provokationen nicht reflexhaft zu bedienen, klare Alternativen zu formulieren und Konflikte ohne Dämonisierung zu führen. Weder das Kopieren populistischer Sprache noch das Abwerten ihrer Wählerschaft wirkt stabilisierend; beides verstärkt Polarisierung und Legitimitätsverluste.

Rechtsstaatlich gesehen rät die Politikwissenschaft davon ab, populistische Regierungschefs primär politisch zu verbieten oder repressiv zu bekämpfen. Kim Lane Scheppele argumentiert in ihren Arbeiten zur europäischen Rechtsstaatlichkeit, dass wirksamer Schutz durch juristische Bindung, institutionelle Verfahren und internationale Einbettung entsteht, nicht durch bloßes „Naming and Shaming“. Korruptionsbekämpfung, unabhängige Gerichte, Medienaufsicht und Wahlrechtskontrolle müssen regelgebunden erfolgen, um nicht selbst delegitimierend zu wirken. Auch auf internationaler Ebene gilt: Sanktionen sollten an klare

rechtsstaatliche Kriterien gekoppelt sein und mit Integrationsangeboten kombiniert werden, um Märtyrererzählungen zu vermeiden. Damit lässt sich also die politikwissenschaftliche Kernbotschaft so formulieren: Populismus wird nicht durch Empörung oder Personalisierung eingehegt, sondern durch funktionierende demokratische Strukturen. Je stabiler Institutionen, je glaubwürdiger Repräsentation und je inklusiver politische Teilhabe organisiert sind, desto geringer ist die Resonanz autoritärer Vereinfachung. Oder in einer verkürzten Formel: Populisten gewinnt man nicht durch Lautstärke, sondern durch demokratische Leistungsfähigkeit.


Übertragung ins Professional Wrestling

Im ersten Großkapitel wurde dargelegt, wie die World Wrestling Federation (WWF) in

den 1980er Jahre sich quasi zu einem „Entertainment Juggernaut“ entwickelte, ab dem

Zeitpunkt, als Promoter Vince McMahon sich TV-Sendeplätze sicherte und eine

Vielzahl von Top-Star-Wrestlern aus anderen „Territorien“ abwarb. Der finale Schritt, um jede ernsthafte Konkurrenz auszuschalten, erfolgte mit der Verpflichtung von Hulk Hogan als neues „Figure Head“ der WWF und der Etablierung des jährlichen „WresleMania“-PPV.

Hogan machte es zu seinem „Gimmick“ immer wieder gegen unbesiegbar erscheinende „Monster Heels“ wie Andre the Giant, King Kong Bundy, Zeus, den Undertaker, Yokozuna oder Big Van Vader anzutreten und nach hartem Kampf letztlich doch siegreich zu sein.

Er war also über viele Jahre der Held für das Publikum, das sog. „Babyface“ und

während seiner WWF-Karriere weigerte sich Hogan stets, einen „heel turn“ zu vollziehen, die Verwandlung zum Schurken, obwohl sich bereits in den frühen 1990ern abzeichnete, dass das Publikum allmählich gelangweilt war von dessen Performance und der sich immer wiederholenden Formel seiner Matches. Erst als Hogan zur konkurrierenden Promotion World Championship Wrestling (WCW) gewechselt, die von Medienmogul Ted Turner großzügig finanziert wurde, und sich ein ernsthafter Wettbewerb mit der WWF entwickelte, „turnte“ der Hulkster zum Schurken „Hollywood Hulk Hogan“ als Anführer der „New World Order“ (NWO), einer Fraktion innerhalb der WCW, welche die Promotion quasi von innen übernehmen sollte und eine immer größere Anhängerschaft sammelte. Die NWO war dezidiert ein Produkt der 1990er Jahre: non-konform, unberechenbar, alle Regeln brechend und immer auf der Suche nach der nächsten Eskalationsstufe. Damit wurde die NWO das

spannendste Produkt im Wrestling und Hogan war erneut „white hot“, aber diesmal als

größter Schurke der Wrestlingwelt.

Es wurde bereits aufgezeigt, wie sich US-Präsident Donald Trump an den Elementen des Professional Wrestling bedient, wie eben speziell der sehr simplen „Good vs Evil“- Formel der WWF aus den 1980er Jahren. Trump scheint sich aber gleichzeitig eine Menge vom Konzept der NWO abgeschaut zu haben. Politikhistorisch wird der Begriff der „Neuen Weltordnung“ von Ex-Präsident George H. W. Bush verwendet, um damit eine prosperierende neue Zeitrechnung nach dem Ende des kalten Krieges zu beschreiben. Der Begriff taucht aber auch in verschiedenen Verschwörungserzählungen auf, um eine machtvolle, elitäre Kaste zu beschreiben, die als eine Art „Schattenregierung“ hinter der eigentlichen politischen Exekutive die Weltherrschaft plant und damit auch bspw. Antisemitismus schürt. Trump selbst hat den Begriff nicht öffentlich benutzt, jedoch ist das Narrativ aus Trumps Wahlkämpfen vertraut, in denen er sich immer wieder gegen die Eliten positionierte und versprach, deren Machtstrukturen zu zerschlagen. In Trumps Narrativ verschmelzen aber vielmehr die politische Elite und der machtvolle Zirkel aus „Strippenziehern“, die man bspw. auch in der „Qanon“-Thematik findet, zu einem großen Feindbild, dem Trump den Kampf ansagt.

Kehrt man aber zurück zur NWO der WCW fallen hier natürlich erneut die Parallelen zum Politikstil von Trump auf: das unberechenbare, teilweise erratische Agieren, durch welches die restliche Welt sich in einem permanenten Unsicherheitszustand befindet, was Trump als nächstes tun wird. Die Verlässlichkeit auf den Bündnispartner ist damit einem steten Stresszustand gewichen, in der die restlichen Nationen Gefahr laufen, fast schon apathisch abzuwarten, was als nächstes im Weißen Haus passieren wird. Wartete das Wrestling-Publikum der WCW Ende der 1990er Jahre stets angespannt auf das plötzliche, unerwartete Auftauchen eines NWO-Mitglieds am Ring, um für Unruhe oder eine Wende im Ringgeschehen zu sorgen, wartete die Weltbevölkerung, speziell in den vergangenen Monaten, angespannt auf die nächste Ankündigung von Trump.

Aber natürlich folgte auch die NWO-Storyline in der WCW den vertrauten Elementen des Sports Entertainment und so formte sich innerhalb der Promotion ein Gegengewicht aus „Babyfaces“, die als Gegner von Hollywood Hogan & Co. auftraten. Angeführt wurde die WCW-Fraktion hier von, quasi, „Eigengewächsen“ der WCW wie Sting oder Bill Goldberg, während die NWO sich, neben Hogan, noch aus anderen Wrestlern zusammensetzte, die ursprünglich aus der WWF stammten wie Scott Hall, Kevin Nash oder Randy Savage. Die „alte Welt“ positionierte sich hier also gemeinsam gegen die Bedrohung des „Neuen“, welches sich anstellte, die bestehende Ordnung hinwegzufegen. Zwar benutzte auch der ehemalige US-SoD Donald Rumsfeld die Bezeichnung des „Old Europe“ für die europäischen Staaten, welche sich nicht an der Invasion des Iraks 2003 beteiligen wollten, aber eine derartige Einteilung findet sich nun natürlich auch verstärkt wieder innerhalb der Trump-Administration wieder. Diese hofiert bspw. populistische Politiker:innen innerhalb von Europa wie bspw. Orban oder Weidel.


Babyfaces im Professional Wrestling

Im professionellem Wrestling fungiert der Begriff „Babyface“ (kurz Face) als fachsprachliche Bezeichnung für den „Guten“ oder Heldencharakter, der innerhalb der dramaturgisch aufgebauten Storylines bewusst so inszeniert wird, dass das Publikum seine Aktionen unterstützt und ihn anfeuert. Diese Charakterisierung ist Teil des grundlegenden Kayfabe-Systems – also der inszenierten Realität des Wrestlings –, in dem die dramatische Opposition zwischen Faces (Helden) und Heels (Schurken) die narrative Struktur vieler Matches und Fehden prägt. In der klassischen Ausprägung wird ein Babyface als moralisch integer, regelkonform und respektvoll gegenüber Gegnern, Offiziellen und Zuschauern dargestellt. Diese Wrestler erfüllen die Rolle des Protagonisten, der im Kampf „für die Guten“ steht, oft als Underdog, der trotz widriger Umstände und unfairer Taktiken der Gegner besteht. Diese Form des Charakters nutzt sportliche Fairness und technische Fertigkeiten, um

die Sympathien des Publikums zu gewinnen und zu halten. Wie oben beschrieben trat

Hulk Hogan in der Hochzeit der WWF gegen, physisch, überlebensgroße Heel-Charaktere an, die ihm körperlich überlegen schienen. Aus diesem Grund konnte er sich auch als amtierender Champion stets als Underdog inszenieren, der letztlich doch triumphiert. Wie oben beschrieben, inszenierte sich Donald Trump in seinen Wahlkämpfen, speziell im Jahr 2016 gegen Hillary Clinton, als einen Vertreter des „kleinen Mannes“, der gegen die korrupten Eliten antritt. Damit erscheint er klar die Rolle des Babyface einzunehmen, obwohl er in seinem persönlichen Auftritt gegenüber dem politischen Gegner ganz klare „Heel-Taktiken“ verwendet. Es scheint daher kaum zu überraschen, dass gerade Hulk Hogan, der seine eigentliche Popularität dem „Kampf“ gegen übermächtige Gegner verdankt, wofür symbolisch ja auch die Eliten stehen können und dieser sich entsprechend von Trump vereinnahmen ließ.

Die Rolle des Babyface hat zudem eine soziokulturelle Dimension: Sie fungiert als

Projektionsfläche für Werte wie Mut, Integrität und Widerstand gegen Ungerechtigkeit,

die das Publikum emotional involvieren sollen. Innerhalb des Wrestling-Narrativs bietet

der Babyface-Charakter dem Zuschauer einen Identifikationspunkt, indem er sowohl

sportliche Leistung als auch moralische Überlegenheit (im Sinne der Inszenierung)

verkörpert. In der früheren NWA (später die WCW) fungierte Dusty Rhodes als eine

solche Identifikationsfigur. Er war der „common man“, der Arbeiter, der ganz klar gegen

den tricksenden, arroganten Ric Flair positioniert wurde. In der jüngeren Vergangenheit der WWE wurde diese Rolle über viele Jahre von John Cena oder aktuell von Dusty Rhodes‘ Sohn Cody ausgefüllt.

Während traditionelle Babyfaces konsequent positive Eigenschaften ausstrahlen, hat sich das Rollenbild im Laufe der Zeit gewandelt: Seit den 1990er Jahren traten vermehrt sogenannte Anti-Helden oder „Tweeners“ auf, deren Verhalten nicht mehr eindeutig regelkonform ist, die aber dennoch von Fans gefeiert werden. Dieses Phänomen zeigt, dass die klare Dichotomie zwischen „gut“ und „böse“ in der modernen Wrestling-Inszenierung weniger starr ist als früher, auch wenn das Grundprinzip des Babyface als Publikumsliebling weiterhin zentral ist. In der WWF-Historie steht die sog. „Attitude Era“ für dieses Phänomen, in der bspw. „Stone Cold“ Steve Austin zum größten Publikumsliebling der Promotion wurde.

In der akademischen Auseinandersetzung wird die Funktion dieser Figuren oft als Teil

eines größeren Narrativs verstanden, welches die medial inszenierte Spannung zwischen Protagonisten und Antagonisten nutzt, um Zuschaueremotionen zu lenken und damit eine Form kultureller Bedeutung zu schaffen.

Im ersten Teil wurde bereits herausgestellt, dass sich Donald Trump vielfach als ein

„Heel“-Charakter inszenierte, um im Wrestling-Sprech zu bleiben. Dies ableitend, muss gefragt werden, wie sich politische Entscheidungsträger die Rolle des „Babyface“ einnehmen können. Überträgt man das Modell aus dem professionellen Wrestling in den Bereich der politischen Kommunikation, wird deutlich, dass beide Felder mit ähnlichen dramaturgischen und symbolischen Mechanismen arbeiten: Rollenbilder, emotionale Identifikation und moralische Rahmung.


Politiker:innen als Babyface

Wie oben beschrieben fungiert im Wrestling das Babyface als narrative Projektionsfläche für positive Werte wie Fairness und Integrität. Diese Figur ist darauf ausgelegt, das Publikum emotional zu binden, indem sie sich als Vertreter „der richtigen Sache“ präsentiert und sich gegen als ungerecht markierte Gegner behauptet. In der politischen Kommunikation findet sich ein vergleichbares Prinzip in der Personalisierung von Politik. Politiker:innen werden nicht nur über Programme wahrgenommen, sondern über Charakterbilder, die gezielt Vertrauen, Nähe und Glaubwürdigkeit erzeugen sollen. Die Inszenierung als „Anwalt der Bürger“, „Kämpfer gegen Ungerechtigkeit“ oder „ehrlicher Reformer“ folgt dabei einer ähnlichen Logik wie das Babyface-Narrativ.

Ein politischer Akteur, der sich als Babyface positioniert, stellt sich typischerweise als

moralisch integer, regelkonform und volksnah dar. Er oder sie kommuniziert Konflikte

als Kampf zwischen Fairness und Missbrauch, zwischen „wir“ und einer als problematisch konstruierten Gegenseite. Analog zum Wrestling-Comeback betonen Politiker in Krisensituationen häufig Durchhaltefähigkeit, Opferbereitschaft und Widerstand gegen widrige Umstände, um emotionale Resonanz beim Publikum zu erzeugen. Diese Form der Darstellung dient weniger der sachlichen Information als der Affektsteuerung und Identifikationsbildung.

Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive lässt sich dies mit Konzepten wie Framing, Narrativisierung und politischem Storytelling erklären. Politik wird nicht nur argumentativ, sondern erzählerisch vermittelt: Es gibt Helden, Gegner, Konflikte und Lösungen. Der Politiker als Babyface übernimmt die Rolle des Protagonisten, der scheinbar im Interesse der Gemeinschaft handelt und dem Publikum eine klare moralische Orientierung anbietet. Dadurch wird Komplexität reduziert und politische Entscheidungen emotional anschlussfähig gemacht.

Allerdings unterscheidet sich politische Inszenierung vom Wrestling in einem zentralen Punkt: Während Wrestling offen fiktionalisiert ist, beansprucht Politik reale Legitimität. Eine zu starke Babyface-Inszenierung kann deshalb auch problematisch werden, weil sie politische Prozesse vereinfacht, Gegner moralisch delegitimiert oder sachliche Debatten durch Symbolik ersetzt. In der Forschung wird dies häufig als Bestandteil von Populismus oder medialer Personalisierung diskutiert, bei der politische Akteure weniger als Verwalter komplexer Systeme, sondern als moralische Heldenfiguren auftreten.

Die Übertragung des Babyface-Prinzips auf politische Kommunikation findet ihren deutlichsten Ausdruck im Populismus. Dieser ist weniger eine inhaltlich geschlossene Ideologie als vielmehr ein kommunikativer Stil, der Politik als moralischen Konflikt zwischen einem homogenen „Volk“ und einer als korrupt konstruierten „Elite“ darstellt (vgl. Mudde 2004). In dieser Logik positioniert sich der populistische Akteur selbst als moralisch überlegene Repräsentationsfigur, die vorgibt, unmittelbar für die Interessen der Bevölkerung zu kämpfen. Die strukturelle Nähe zum Babyface im Wrestling ist dabei offensichtlich: Beide Rollen funktionieren als identifikationsstarke Heldenfiguren, die Konflikte personalisieren, emotionalisieren und dramaturgisch zuspitzen. Populistische Kommunikation greift typische Babyface-Elemente auf, indem sie den politischen Akteur als authentisch, volksnah, kämpferisch und regelgerecht handelnd inszeniert, während Gegner als unfair, machtmissbrauchend oder systemfremd dargestellt werden. Der Wahlkampf von Zoran Mamdani in New York oder auch verschiedene kommunalpolitische Wahlkämpfe in Dänemark zeigen die Erfolge des volksnahen und authentischen Akteurs. Politische Auseinandersetzungen werden damit nicht primär als sachliche Interessenkonflikte, sondern als moralische Kämpfe präsentiert. Ernesto Laclau beschreibt Populismus entsprechend als eine Form der diskursiven Konstruktion von Identität, bei der komplexe gesellschaftliche Gegensätze in eine einfache narrative Struktur aus „wir“ gegen „sie“ überführt werden (vgl. Laclau 2005). Der populistische Akteur übernimmt hierbei die Rolle des Protagonisten, der

scheinbar im Namen des Kollektivs handelt.

Zentral ist dabei die Affektmobilisierung. Populismus nutzt Emotionen wie Empörung,

Hoffnung oder Solidarität, um politische Loyalität herzustellen. Ähnlich wie das Comeback des Babyface im Wrestling erzeugt populistische Rhetorik das Bild des Widerstands gegen übermächtige Strukturen. Der Politiker erscheint als jemand, der „für das Volk kämpft“, Hindernisse überwindet und moralische Ordnung wiederherstellt. Diese narrative Vereinfachung reduziert politische Komplexität zugunsten von Anschlussfähigkeit und Mobilisierung. Gleichzeitig birgt diese Form der Babyface-Inszenierung im Populismus demokratische Risiken. Durch die starke Moralisierung werden Gegner nicht mehr als legitime politische Konkurrenten, sondern als Feindbilder konstruiert. Jan-Werner Müller weist darauf hin, dass Populismus einen exklusiven Repräsentationsanspruch erhebt: Nur der Populist spreche „wirklich“ für das Volk, alle anderen seien illegitim (vgl. Müller 2016). Dadurch verschiebt sich Politik von deliberativer Aushandlung hin zu symbolischer Loyalität gegenüber einer Führungsfigur.

Dezidiert lässt sich festhalten: Ein politischer Mandatsträger kann sich durchaus nach dem Muster eines Babyfaces inszenieren, indem er Werte, Emotionen und Konflikte dramaturgisch auflädt und sich als identifikationsstarke Heldenfigur präsentiert (mehr Dusty Rhodes, weniger Hulk Hogan). Im realpolitischen Kontext zeigt sich das verstärkt auf kommunalpolitischer Ebene, wie oben erläutert. Diese Strategie erhöht Aufmerksamkeit und Bindung, birgt jedoch zugleich das Risiko, politische Realität zu vereinfachen und stärker zu emotionalisieren als rational zu begründen. Speziell der Populismus findet seine politische Entsprechung im Babyface-Prinzip: Er erzeugt Heldennarrative, emotionalisiert Konflikte und stellt politische Akteure als moralische Kämpfer dar. Während dies Mobilisierung und Identifikation fördert, besteht zugleich die Gefahr der Vereinfachung, Polarisierung und Personalisierung politischer Prozesse.

Der politische Repräsentant, der als „Babyface“ wahrgenommen werden möchte, muss sein Handeln und seine Kommunikation so ausrichten, dass er nicht primär als Machtträger, sondern als identifikationsfähige Protagonistenfigur erscheint. Ausgangspunkt ist eine konsequente moralische Selbstpositionierung. Der Akteur präsentiert seine Entscheidungen als Ausdruck von Verantwortung, Fairness und Gemeinwohlorientierung und vermeidet den Eindruck eigennütziger Motive. Politische Maßnahmen werden nicht nur technisch erklärt, sondern normativ gerahmt, sodass sie als Beitrag zu Gerechtigkeit, Solidarität oder Schutz schwächerer Gruppen erscheinen. Auf diese Weise entsteht ein Bild von Integrität, das die Grundlage für Vertrauen bildet. Zugleich ist die Herstellung von Nähe zum Publikum zentral. Der politische Akteur reduziert kommunikative Distanz, indem er verständliche Sprache verwendet, biografische Bezüge herstellt und dialogische Formate nutzt. Er tritt nicht ausschließlich als institutioneller Funktionsträger auf, sondern als Person, die Erfahrungen, Sorgen und Erwartungen der Bürger teilt. In der Forschung wird dies als Personalisierung und Authentizitätsinszenierung beschrieben: Politik wird über Charakter und Haltung vermittelt, nicht allein über Programme. Dadurch wird Identifikation ermöglicht, wie sie auch für das Babyface im Wrestling charakteristisch ist. Darüber hinaus müssen politische Entscheidungen narrativ strukturiert werden. Ein Babyface funktioniert nicht ohne Konflikt, weshalb der Akteur seine Handlungen als Teil eines Kampfes für legitime Interessen inszeniert, etwa gegen Ungerechtigkeit, Machtmissbrauch oder strukturelle Benachteiligung. Wichtig ist dabei, dass er nicht als dominierende Autorität erscheint, sondern als jemand, der Widerstände erfährt, Rückschläge verarbeitet und sich regelkonform durchsetzt. Vergleichbar mit dem „Comeback“ im Wrestling entsteht so ein Bild von Beharrlichkeit und Lernfähigkeit, das politische Prozesse als Geschichte statt als bloße Verwaltung sichtbar macht.

Natürlich ist im Wrestling dieses Comeback eng verbunden mit der Storyline in den Hulk Hogan-Matches der 1980er Jahre, in denen Hogan häufig lange als geschlagen schien, nur um letztlich doch zu triumphieren. Jedoch erlebt seine Figur keine wirklichen Rückschläge, vor allem nicht über einen längeren Zeitraum hinweg, wie es die obige Lernfähigkeit notwendig macht. Hier lässt sich vielmehr das aktuellere Beispiel von Cody Rhodes bemühen, dessen Storyline vom Underdog zum Champion über ein ganzes Jahr gestreckt wurde und der auf seinem Weg eine Vielzahl von Rückschlägen zu erleiden hatte.

Eng damit verbunden ist die Betonung von Regelkonformität und Fairness. Ein politisches Babyface gewinnt Legitimität nicht durch Machtausübung, sondern durch die sichtbare Achtung demokratischer Verfahren, institutioneller Grenzen und gesellschaftlicher Normen. Entscheidungen werden als Ergebnis von Abwägung, Beteiligung und Verantwortung dargestellt. Der Akteur signalisiert Kompromissfähigkeit und Respekt gegenüber anderen Positionen, wodurch Autorität aus Akzeptanz und nicht aus Zwang entsteht.

Zugleich muss emotionale Anschlussfähigkeit erzeugt werden. Politisches Handeln wird nicht ausschließlich rational vermittelt, sondern mit Emotionen wie Sorge, Hoffnung, Empörung oder Zuversicht verbunden. Der Entscheidungsträger zeigt, dass ihn die Folgen seiner Politik persönlich betreffen und dass er Verantwortung nicht nur funktional, sondern auch affektiv trägt. Diese Form der Affektmobilisierung macht Politik für das Publikum erfahrbar und verstärkt die Wahrnehmung des Akteurs als engagierte, mitfühlende Figur.

Neben Sprache spielt auch symbolisches Handeln eine Rolle. Babyface- Wahrnehmung entsteht, wenn Entscheidungen konkret sichtbar werden, etwa durch Präsenz vor Ort, direkte Interaktion mit Betroffenen oder die öffentliche Übernahme von Verantwortung bei Fehlern. Der Umgang mit Kritik ist hierbei besonders relevant: Ein politischer Akteur, der Lernbereitschaft zeigt und Selbstkorrektur zulässt, stärkt sein Bild als fairer und verantwortungsvoller Protagonist, statt als unfehlbarer Machthaber.

Schließlich ist auch die Art der Abgrenzung entscheidend. Ein politischer Akteur kann nicht ohne Gegner auskommen, doch ein Babyface zeichnet sich dadurch aus, dass Konflikte moralisch, aber nicht destruktiv geführt werden. Kritik richtet sich gegen Positionen und Praktiken, nicht gegen die grundsätzliche Legitimität der Gegenseite. So bleibt der Akteur glaubwürdig als jemand, der für Werte kämpft und nicht bloß für Macht, und unterscheidet sich von radikal-populistischen Mustern, die politische Konkurrenz häufig vollständig delegitimieren.

Insgesamt wird ein politischer Entscheidungsträger als „Babyface“ wahrgenommen, wenn er moralische Integrität, emotionale Anschlussfähigkeit, narrative Konfliktstruktur, sichtbare Fairness und publikumsnahe Kommunikation miteinander verbindet. Er erscheint dann weniger als bloßer Verwalter politischer Prozesse, sondern als identifikationsfähige Hauptfigur innerhalb eines politischen Narrativs, mit der sich das Publikum emotional und normativ verbinden kann.


¹ Sehmby, „Wrestling and Popular Culture“, S. 2.

² Ebd., S. 3.

³ Hofstede, Slammin’, S. 9.

⁴ Vgl. Sehmby, S. 3.

⁵ Sharon Mazer, zit. nach Text, S. 176.

⁶ Vgl. Roland Barthes, Le monde où l’on catche.

⁷ Zit. nach Text, Anm. 10.

⁸ Zit. nach Text, Anm. 11.

⁹ Zit. nach Text, Anm. 13.

¹⁰ Jenkins, zit. nach Text, Anm. 15.

¹¹ Zit. nach Text, Anm. 18.

¹² Zit. nach Text, Anm. 19.


Kommentare


Digitaler_Ungehorsam_Logo_Schriftzug.png

Gesellschaft für digitalen Ungehorsam mbH

Schivelbeiner Straße 8

10439 Berlin

Tel:  030 - 21 46 50 80

Fax: 030 - 69 08 81 01

SOCIAL
  • Schwarz LinkedIn Icon
  • Instagram
bottom of page